Errichtung eines Wärmenetzes 4.0 im Hafenquartier in Neustadt in Holstein - Quartierskonzept

In Neustadt in Holstein hat man sich auf den Weg gemacht, den alten Getreidehafen als Quartier neu zu denken. Gemeinsam. Die Hafenwestseite wurde komplett überplant. Partizipation und Kreativität während der gesamten Realisierungswettbewerbsphase ließen ein ideenreiches, ganzheitliches Konzept entstehen. Die einreichenden Teilnehmer waren jeweils Teams aus Architekten, Stadtplanern und Landschaftsarchitekten. Die Kommune selbst hat von Beginn an die erneuerbare und innovative Wärmeversorgung angestrebt.

Beim Blick über dieses besondere Areal wird schnell klar: Hier kann etwas Großartiges entstehen. Die vorliegenden Pläne sind beeindruckend und vor dem inneren Auge entsteht schnell ein Bild von einem modernen, aber gemütlichen Hafenviertel.

Ein Quartier neu gedacht

„Wir wollten auch energetisch hier ein Konzept, das die besonderen Gegebenheiten vor Ort nutzt und integriert“, erzählt Lars Arne Beilfuß, Leiter Technik Gas/Wasser/Wärme der Stadtwerke Neustadt. „In unserer aktuellen Machbarkeitsstudie spielen wir verschiedene Szenarien detailliert durch. Als fester Bestandteil unser jetzigen Ideen sind sicher die Großwasserpumpe und die Solarthermie zu werten, die anderen Bausteine variieren.“ Das gesamte Gebiet befindet sich zentral in der Stadt zwischen Altstadt und verschiedenen Wohngebieten. Durch die Nähe zum Hafen soll über die Großwärmepumpe Wärme aus dem Hafenwasser abgeführt und in einem Wärmespeicher aufgefangen werden.

„Meerwasserpumpen dieser Art findet man bisher zum Beispiel auf Helgoland, in Stockholm oder Helsinki – doch nun hoffentlich auch bald in Neustadt“, erklärt Beilfuß. „Neben der Umweltwärme aus dem Meer möchten wir aber auch auf Solarthermie setzen. Diese könnte gut auf den Dächern des Quartiers positioniert werden.“ Die gewonnene Energie soll anschließend in ein neu zu errichtendes LowEx-Wärmeverteilnetz eingespeist werden. Ein solches Niedrigtemperaturnetz hat weniger Wärmeverluste als ein herkömmliches Netz und ermöglicht auch, regenerative Wärmeerzeuger auf niedrigeren Temperaturniveaus zu nutzen – wie hier geplant. Als dritte Energiequelle könnte ein Blockheizkraftwerk dienen, das zum Beispiel mit Bio-Methan befeuert wird.

Neue Dimensionen

„Mit einem Anteil von über 70 Prozent erneuerbarer Energien läge das Wärmenetz 4.0 im Hafenquartier weit über den bisher realisierten Wärmenetzen in Deutschland. Ich finde, das kann sich sehen lassen“, resümiert Mirko Spieckermann, Bürgermeister der Stadt Neustadt in Holstein. „Betrachten wir zusätzlich noch die Möglichkeit der Sektorkopplung, wird es richtig gut. Wir könnten so, je nach Bedarf, eine erhöhte Stromabnahme wie auch eine erhöhte Stromproduktion realisieren. Besonders im Windkraftland Schleswig-Holstein ist eine derartige Flexibilisierung für das Stromnetz ein großer Vorteil.“

Umsetzung in Sicht

Die Machbarkeitsstudie beleuchtet genau, wie das Wärmenetz optimal ausgestaltet werden kann, um einen hohen Anteil an erneuerbaren Energien vorzuweisen, die Abwärme effizient zu nutzen und ein deutlich niedrigeres Temperaturniveau im Vergleich zu klassischen Wärmenetzen zu haben. Läuft alles wie geplant, wird demnächst der Bebauungsplan beschlossen und schon 2020 könnte es in die Realisierung gehen. Angesichts der Tatsache, dass durch die geplanten Maßnahmen jährlich 750 t CO2 eingespart werden könnten im Vergleich zu alten fossilen Erdgasheizungen, sehr erfreuliche Aussichten.

„Spannend wird es auch, wenn man sich vorstellt, private Haushalte an das Wärmenetz anzuschließen. Hier möchten wir als Stadtwerke gern die Wärmekunden gewinnen und so mit den alten fossilen Gasheizungen in Konkurrenz treten. Der Kunde spart und das Klima gewinnt, das wäre doch was.“ Lars Arne Beilfuß lächelt.

 

Projektbeginn:Januar 2018
Projektträger:Stadtwerke Neustadt in Holstein als Eigenbetrieb der Stadt Neustadt in Holstein
Beteiligte Institutionen und ggf. externe
Kooperationspartner:
Stadt Neustadt in Holstein, Stadtwerke Neustadt in Holstein, HIR Hamburg Institut Research gGmbH
Art der Maßnahme:Das Projekt enthält ein neu zu errichtendes LowEx-Wärmeverteilnetz mit niedrigen
Betriebstemperaturen (Planung derzeit: Vorlauf 70°C / Rücklauf 40°C) zur Versorgung der Gebäude im Quartier, das überwiegend auf Erneuerbaren Energien basiert. Haupt-Wärmequelle ist eine Wärmepumpe mit etwa 400 kW thermischer Leistung, die als Wärmereservoir das Meerwasser im Hafenbecken von Neustadt nutzt. Weitere ergänzende Wärmequellen sind großflächige
Solarkollektoranlagen (ca. 1.000 m²) und ggfls. ein Biomassekessel, der perspektivisch auf dem
Brennstoff Grünschnitt-Pellets basiert. Für die Spitzenlastversorgung (5-10% Wärmeanteil) ist ein
Erdgaskessel vorgesehen.
Maßnahmen zur Bürgerbeteiligung: Als Bestandteil des Städtebauförderprogramms im Programmbereich „Kleinere Städte und Gemeinden“
wurden für die Weiterentwicklung der Hafenwestseite ein breit aufgestellter Beteiligungsprozess sowie ein städtebaulicher Realisierungswettbewerb in zwei Runden durchgeführt. Der Siegerentwurf, der im
Juli 2017 gekürt wurde, sieht eine Entwicklung des Quartiers zu einem Aufenthaltsort für die Bewohner
und als attraktiver Ankunftsort für Touristen vor. Die aus dem Wettbewerb gewonnen Erkenntnisse
dienen als Grundlage für das Projekt Wärmenetz 4.0. Darüber hinaus wurden lokale Interessensgruppen wie der Zweckverband Ostholstein mit in die Planung einbezogen.
Beitrag zum Ausbau Erneuerbarer
Energie:
Die Wärmeversorgung soll überwiegend auf der Basis Erneuerbarer Energien erfolgen. Den größten
Anteil an Erneuerbaren Energien wird dabei die Umweltwärme aus dem Meerwasser stellen. Dies wird ergänzt durch Solarthermie und ggfls. Biomasse. Es ist derzeit ein Anteil an Erneuerbaren Energien in Höhe von etwa 70% vorgesehen.
Energieeinsparung:Die geplante Absatzmenge an Wärme beträgt anfänglich etwa 3,4 GWh/a und soll dann in den darauf folgenden Jahren durch Einbeziehung des Gebäudebestands in die Versorgung auf etwa 6 GWh/a erhöht werden. Auf Basis einer Wärmeabnahme von 4,5 GWh/a und eines Anteils von 70% Erneuerbarer Energie bei der Wärmebereitstellung entspricht dies einer jährlichen Einsparung von etwa 3,15 GWh fossilem Energieeinsatz.
CO2-Minderung: Auf Basis einer Wärmeabnahme von 4,5 GWh/a werden jährlich etwa 3,15 GWh fossile Wärme durch Erneuerbare Energien ersetzt. Gegenüber einer fossilen Erdgasheizung beträgt die CO2-Einsparung damit etwa 75 Mio t jährlich.
Kosten des Projektes:Nach den derzeitigen Kostenschätzungen sind etwa 2 Mio Euro für die Erzeugungsanlagen
aufzuwenden, dazu etwa 0,7 Mio Euro für das Leitungsnetz.
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