85+X Wärmewende Meldorf - Saisonale (An)Wärmespeicherung für maximale CO2-Einsparung

IN MELDORF WIRD SICH WAS GETRAUT

Auf dem Weg nach Meldorf ist schon von Weitem der Dom zu erkennen. Für dieses Bauwerk aus dem 13. Jahrhundert ist Meldorf bekannt – und für sein Engagement als Nationalparkpartner, Fairtrade- und cittaslow-Stadt. Spricht man mit den Menschen vor Ort, merkt man schnell, dass sich hier viel bewegt. „Wir haben uns mit der Stadt, den Bürgern und den hiesigen Unternehmen auf den Weg gemacht. Das ist in vielen Bereichen spürbar“, erklärt die Bürgermeisterin Anke Cornelius-Heide mit Blick auf den Unternehmenssitz der Eversfrank Gruppe. Weiter hinten fließt die Miele still vor sich hin, umgeben von weiten, saftigen Marschwiesen.

 „Vor Kurzem haben wir eine Stadtmarke entwickeln lassen. Sie lautet: ‚Meldorf l Ankommen. Mitmachen.‘ Das passt. Wir wollen auch nach außen zeigen, was uns ausmacht, nämlich das bürgerschaftliche Engagement. Seit Jahrzehnten setzt sich Meldorf zum Beispiel, gemeinsam mit seinen Bürgern intensiv mit Nachhaltigkeitsthemen wie regenerativer Energieerzeugung und Energieeinsparung auseinander“, legt Bürgermeisterin Anke Cornelius-Heide dar. „Es wurde Zeit, den nächsten Schritt zu gehen, oder besser gesagt, zum Sprung anzusetzen.“ Das beschreibt das Vorhaben der Stadt an der Westküste wohl besser. Die Dithmarscher wollen in Meldorf nicht weniger als beispielhaft für alle anderen die Wärmewende einläuten.

„Meldorf ist in der glücklichen Situation, Standort der Druckerei Evers-Druck zu sein, einem regional engagierten und umweltbewussten Unternehmen. Es erzeugt in großen Mengen Abwärme, die schon seit Langem von den benachbarten Schulen, Sporthallen und dem Schwimmbad genutzt werden kann. Hier setzen wir an“, berichtet Cornelius-Heide weiter. Gemeinsam mit dem Projektmanager Peter Bielenberg wurde ein einzigartiges, auf die Situation in Meldorf genau zugeschnittenes Energiekonzept entwickelt, das im ersten Schritt Schulen und Sporthallen über eine Fernwärmeleitung mit der klimafreundlichen Awärme versorgen soll.

Solarthermie und Abwärme groß gedacht

Die Abwärme der Druckerei und der Biogasanlage RKM Naturgas soll in einem saisonalen Erdwärmespeicher zwischengespeichert werden. Besonders im Sommer fällt viel Wärme an, die aber erst in der kalten Jahreszeit gebraucht wird. Dafür wird ein fußballfeldgroßer „Tank“ im Erdreich geschaffen. Bielenberg zeigt auf ein weiträumiges Gelände hinter der Druckerei. Die Bedingungen hier sind optimal. Die vorhandenen Ressourcen sollen langfristig durch Solarthermie ergänzt werden, um auch steigende Bedarfe zu decken. „Wir kennen solche Großanlagen bisher nur aus Dänemark, aber wir werden zeigen, dass so etwas auch in Meldorfgeht“, ist sich Bielenberg sicher. Der Mann brennt für das Projekt, das merkt man sofort. „In Meldorf haben wir einfach ideale Voraussetzungen“, schwärmt er. „Hier haben wir nicht nur das Potenzial in Form von Infrastruktur, hier haben wir auch die richtigen Menschen mit dem nötigen Mut und Pioniergeist am Verhandlungstisch. Diese Kleinstadt vereint Denker und Macher, und das brauchen wir für eine erfolgreiche Energiewende.“ Neben der Stadt und den Unternehmen sind auch die Fachhochschule Westküste und die IB.SH mit an Bord.

Leuchtturmprojekt – passt an die Nordsee

Meldorf hat für die Umsetzung dieses in Deutschland einzigartigen Energiekonzepts eine kommunale Gesellschaft gegründet, die Wärmeinfrastruktur Meldorf GmbH. Hier wird dem Wärmenetz Leben eingehaucht. Die Gesellschaft kümmert sich um die Errichtung, den Bau und den Betrieb. Wer nun meint, das soll es schon gewesen sein, der irrt. „Erst mal schließen wir unsere kommunalen Liegenschaften an das neue Wärmenetz an, aber dann geht es weiter. Wir möchten für die neu gegründete Gesellschaft langfristig auch private Mitstreiter und Unternehmen als Gesellschafter gewinnen, ebenso für den Anschluss an das Wärmenetz selbst. Wir wollen es mit allen gemeinsam schaffen. Daneben sollen natürlich noch die öffentlichen Gebäude saniert werden, um den Wärmebedarf an sich zu senken und die Wärmeverteilungsstrukturen innerhalb der Gebäude zu optimieren“, erklärt Cornelius-Heide die ehrgeizigen Pläne. „Wir versprechen uns davon mittelfristig günstigere Wärmekosten für die öffentlichen Liegenschaften und Impulse für die regionale Wirtschaft. Vor dem Hintergrund der politischen Diskussion der CO₂-Bepreisung macht das Projekt auch wirtschaftlich Sinn.“

Wenn die Stadt ihr Vorhaben in den nächsten Jahren umsetzt, kann die Bilanz sich sehen lassen. Es können fast 90 Prozent CO₂-Einsparungen erzielt werden, wenn der Saisonal-Speicher errichtet ist. Meldorf zeigt eindrucksvoll, dass die Wärmewende auch im ländlichen Raum gedacht und vollzogen werden kann.

Projektbeginn:04/2018 - 04/2022
Projektträger:Die Stadt Meldorf hat für die Umsetzung des Projektes die WIMeG Wärmeinfrastruktur Meldorf GmbH&Co.KG gegründet. Sie ist eine 100% Tochter der Stadt. Die Geschäftsführung übernimmt die Wärmeinfrastruktur Meldorf Geschäftsführung GmbH. Die Gesellschaftsform GmbH&Co.KG wurde gewählt, um zukünftig auch weitere Kommanditisten beteiligen zu können: Bspw. die Druckerei, die Biogasanlage und die neu gegründeten Stadtwerke Meldorf.
Beteiligte Institutionen und ggf. externe Kooperationspartner:Neben der Stadt Meldorf wirken an dem Projekt die Druckerei Evers Druck, die RKM Naturgas Biogasanlage und das energetische Sanierungsmanagement-Planungsteam mit. Ferner sind die Liegenschaftsträger Kreis Dithmarschen und der Schulverband Meldorf eingebunden. Begleitet wird das Vorhaben wissenschaftlich ferner von der FH Westküste. - Vgl. Kooperationsvereinbarung.
Darüber hinaus wird das Projekt von der Energieagentur der IB.SH und der dena Deutsche Energieagentur (Berlin) unterstützt. Ein indikatives Finanzierungsangebot der Spk. Westholstein und der IB.SH liegt bereits vor. Das PtJ bestätigte im Juli 2018 die Präqualifikation für die benötigte Förderung. Im Oktober wurde der Förderantrag im Programm "Kommunale Klimaschutz Modellprojekte" gestellt.
Art der Maßnahme:Das Konzept beinhaltet folgende Maßnahmen:
1. den Aufbau eines Wärmenetzes unter Integration gewerblicher Abwärme zur Deckung eines Großteils der Wärmeversorgung,
2. der Errichtung eines saisonalen Wärmespeichers zur weitreichenden Nutzung vorhandener Wärmequellen;
3. die Kopplung der o.g. Einzelmaßnahmen mit Maßnahmen zur Gebäudesanierung und Heizungsoptimierung, wie bspw. dem hydraulischen Abgleich und angemessenen Dämmmaßnahmen zur Reduktion des Wärmebedarfes.
4. In der zweiten Ausbaustufe sollen weitere nichtöffentlichen Gebäude (Wohnen und Gewerbe) an das Wärmenetz angeschlossen werden.
5. Sukzessive soll dann auch die Einbindung von Solarthermie (Großanlagen) und weiteren erneuerbaren Energien erfolgen. (Stichwort: Multivalentes Wärmenetz).
Maßnahmen zur Bürgerbeteiligung: Die Konzeption, Aktivierung der Akteure, Einbindung der Bevölkerung und Planung des Projektes erfolgte im Rahmen des von der KfW und dem Land.SH geförderten energetischen Stadtsanierungskonzepts. In dem an das Konzept angeschlossenen drei Jahre währenden energetischen Sanierungsmanagement werden weitere begleitende Maßnahmen wie Öffentlichkeitsarbeit und Sanierung der Gebäude durchgeführt.
Beitrag zum Ausbau Erneuerbarer
Energie:
Die "Hauptenergieform", die bei diesem Konzept / Projekt genutzt wird, ist Abwärme aus dem Druckprozess und der Biogasanlage. Die Druckereiabwärme wird bisher zum Großteil an die Umgebung ungenutzt abgegeben. In vorgesehenen weiteren Ausbaustufen soll die Druckereiabwärme durch den Einsatz von Solarthermie ergänzt werden. Das Konzept mit dem Saisonalspeicher wird damit zu einem Pilotprojekt für weitere Vorhaben im ländlichen Raum: Das Gelingen der Wärmewende hier wird zu einem Großteil vom Gelingen des Einsatzes von Solarthermie in Verbindung mit Saisonalspeichern und ergänzenden weiteren erneuerbaren Energien abhängen.
Energieeinsparung:Die Einsparung von Endenergie wird bei jetzigem Stand im Bereich von 10 bis 20% liegen. Dies wird durch Gebäude-seitige Maßnahmen erreicht, die in erster Linie die hausinterne Heizungshydraulik betreffen. Dabei sollen folgende Parameter optimiert werden:
1. Reduzierung der Heizungsvorlauftemperatur (unter Berücksichtigung der Hygienevorschriften für die Trinkwarmwasserbereitung)
2. Reduzierung der Heizungsrücklauftemperatur zur Vergrößerung des "Delta-t" = der Temperaturspreizung
Durch beide Maßnahmen werden der erforderlichen Massenstrom im Wärmenetz und die
Wärmenetzverluste verringert.
CO2-Minderung: Ohne den Einsatz eines Saisonalspeichers kann nur etwa ein Viertel der Abwärme aus der Druckerei genutzt werden. Wenn davon ausgegangen wird, dass die restliche Wärme weiterhin durch Erdgaskessel erzeugt werden wird, liegt die CO2-Einsparung nur bei ca. 25%. Durch den Saisonalspeicher kann der Anteil der Abwärmenutzung auf 90% erhöht werden. Dadurch liegt die zu erwartende CO2-Einsparung bei 85%-90%. In absoluten Zahlen liegen die CO2-Einsparungen gegenüber Erdgaseinzelgebäudebeheizung bei 1.085 t p.a. (90%) für das hier beantragte Projekt. Ohne den Speicher läge die Einsparung bei ca. 300 t p.a.
Kosten des Projektes:Die Gesamtkosten des Projektes belaufen sich auf rund 5,8 Mio. Euro netto. Davon wird der Speicher rund 3,2 Mio. Euro netto betragen.
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